Tourbericht 2009

Spuren hinterlassen

Die Regenbogenfahrt Startete diesmal im Südwesten Deutschlands

„Es ist toll, was ihr geleistet habt.“ – „Euer Engagement ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.“ – „Wenn ich groß bin, möchte ich auch mitfahren.“

Nicht nur für die Regenbogenfahrer selbst war die diesjährige Tour von Mannheim nach Köln ein Ereignis der Superlative. Es gab Lob von allen Seiten.

Als der Zeitungsverkäufer des Kölner Express am späten Abend des 5.Septembers „Peter’s Brauhaus“ betrat, ahnte er noch nicht, dass er das Restaurant wenig später mit leeren Händen verlassen würde. Die Sonntagsausgabe des Blattes titelte „Krebs – Schicksale, die Mut machen“ und vom Cover lächelten Regenbogenfahrer, die in eben jenem Kölner Traditionshaus gerade die Ankunft der diesjährigen Regenbogenfahrt in der Domstadt feierten. Logisch, dass sie dem Verkäufer seine Zeitungen nur so aus den Händen rissen. „Mut machen“ - Mit dieser Überschrift traf das Boulevard-Blatt die Intention der Regenbogenfahrt der Deutschen Kinderkrebsstiftung auf den Punkt. Auch in diesem Jahr machten sich wieder 40 ehemalige junge Krebspatienten auf den Weg, um krebskranken Kindern und ihren Angehörigen Hoffnung zu geben, ihre schwere Erkrankung zu besiegen und anschließend ein normales und erfülltes Leben zu führen. Am 29. August fiel in Mannheim der Startschuss und bei schönstem Wetter radelten die jungen Leute erst einmal Richtung Südosten am Neckar entlang mit dem Ziel Heidelberg. Das mitten im idyllischen Naturpark Neckartal-Odenwald gelegene Waldpiraten-Camp war das erste Ziel an diesem Tag und aufgrund der „Höhenlage“ gleichzeitig auch die erste größere Herausforderung der Tour. Begleitet von einigen Kindern des Camps meisterten jedoch alle den Anstieg und wurden mit einem herzlichen Empfang belohnt. Herzlich war auch die Begrüßung in der Heidelberger Kinderklinik, welche die Regenbogenfahrer am frühen Nachmittag ansteuerten. Mit ihren eigenen Geschichten und Erfahrungen machten sie den kleinen Patienten, die diesen schönen Samstagnachmittag leider in der Klinik verbringen mussten, Mut und verteilten ganz nebenbei noch Geschenke und die traditionellen Regenbogenbändchen. Das letzte Ziel an diesem Tag hieß Mannheim und führte die Gruppe zurück zum Ausgangspunkt, bevor es am nächsten Tag weiter Richtung Norden ging. Dank einer großartigen Terrasse auf dem Dach der Klinik wurde der geplante Besuch der Mannheimer Patienten zu einem Kinderfest über den Dächern der Stadt. Bei Kaffee und Kuchen und inmitten lauter herumtollender Kinder genossen die Radler gemeinsam mit dem Klinikpersonal und den anwesenden Eltern diesen tollen Spätsommertag.

Am nächsten Morgen kam wirkliche Aufbruchsstimmung auf. Taschen mussten gepackt, die Begleitfahrzeuge beladen werden und ganz nebenbei verlangte ein präzise ausgearbeiteter Zeitplan auch noch die pünkt- liche Abfahrt um 8 Uhr. Bestes Sonntagswetter machte das frühe Weckerklingeln jedoch wett und guter Dinge traten die Radler und Radlerinnen ihre Reise Richtung Mainz an. Ein Zwischenstopp auf dem Backfischfest in Worms bereitete die jungen Leute auf die rheinländische Lebensfreude vor und die Streckenplanung inmitten durch die herrlichen Weinberge ließ erahnen, wo der Frohmut seinen Ursprung hat. Konsequenterweise wurde die Ankunft der Gruppe in der rheinlandpfälzischen Landeshauptstadt dann auch auf dem Mainzer Weinfest bis in die späten Abendstunden gefeiert. 6 Ausgabe 33/10 Trotzdem waren alle fit genug, am nächsten Morgen die uns bereits erwartenden Kinder der Mainzer Uni-Klinik zu besuchen. Gestärkt durch die morgendlichen Gespräche und das gute Frühstück radelten alle beschwingt und wieder mit reichlich Sonnenschein nach Frankfurt, wo bereits die nächsten Kinder auf die vielen bunt gekleideten Fahrradfahrer warteten. Dass einige mit hochrotem Kopf an den Betten der Patienten standen, lag nicht etwa an der anstrengenden Strecke, sondern am wolkenlosen Himmel und entsprechender Sonneneinstrahlung, die den Griff zur Sonnencreme unverzichtbar machte. Passend zum sonnigen Tag besuchte die Gruppe am Abend im Etappenziel Bad Homburg das gerade stattfindende Laternenfest und genoss einmal mehr die Heiterkeit der Menschen.

Weiter ging es am folgenden Tag auf einer „Erholungsetappe“ nach Gießen, wo die Gruppe ohne größere Vorkommnisse mittags ankam und mit einem sensationellen Buffet in der Kinderklinik empfangen wurde. Durch die zeitige Ankunft blieb genug Zeit, ausführlich mit den anwesenden Kindern und deren Eltern zu sprechen. Weiter ging es dann zum Gießener Marktplatz, wo der Regenbogentruck der Kinderkrebsstiftung für ein buntes Show-Programm sorgte und die Bürgerinnen und Bürger über die Arbeit der Kinderkrebsstiftung sowie die Regenbogenfahrt informierte. Leider verabschiedete sich das schöne Wetter langsam und als ein Gewitter aufzuziehen drohte, blies ein letztes Mal an dem Tag die legendäre Tröte von Tour- Chef Micha zur Abfahrt Richtung Hotel. Während die Fahrerinnen und Fahrer meist mit Mehrbettzimmern in Jugendherbergen vorlieb nehmen müssen, offenbarte sich im Gießener Best Western Ausgabe 33/10_www.kinderkrebsst i f tung/totalnormal .de 7 Hotel unerwarteter Luxus in Form von Zwei-Bett-Zimmern und einer Sauna-Landschaft samt Pool im Keller. Bei einem ebenfalls im Hotel vom Gießener Elternverein organisierten Abend ließen wir den Tag bei interessanten Gesprächen ausklingen. Am folgenden Tag, Mittwoch, wurde es dann ernst. Marburg hieß das Ziel und die Etappe dorthin war mit 45 Kilometern recht kurz angesetzt. Aber die fünf Radler, welche die Strecke zur Vorbereitung der Tour bereits im Mai abgefahren sind, warnten vor dem „sehr langen Anstieg“ zur Marburger Kinderklinik. In der Tat sorgten die immer wilder werdenden Gerüchte nicht gerade für Ruhe im Fahrerfeld und eine improvisierte Rast in Marburg kurz vor der Klinik tat ihr Übriges. Immerhin gesellte sich die Stationsärztin der Kinderkrebsklinik zu den bunten Radlern, was die Vermutung nahe legte, dass vielleicht alles doch nur halb so wild ist. So war es dann auch. Zwar zog sich die Strecke gefühlte Ewigkeiten hin, aber mit einem gleichmäßigen und angemessenen Tempo war sie zu bewältigen. Oben angekommen warteten wie immer Snacks und Getränke zur Stärkung sowie Kinder, die besucht werden wollten - einem Wunsch, dem die jungen Leute auch hier gerne nachkamen und überdies auch alle anderen kranken Kinder der Klinik mit Kuscheltieren und anderen kleinen Geschenken versorgten, weil die Kinderkrebsstation zur Erleichterung aller so gut wie leer war. Den Abend verbrachten wir zusammen mit dem Elternverein, der extra für die Gäste ein Zelt im wunderschönen Marburg anmietete und mit Buffet und Live-Musik für beste Stimmung sorgte.

Leider beeindruckte diese Stimmung den Wettergott wenig. Nach einer zweiten Nacht in einem Hotel mit herrlichem Frühstück war der Tag gerade dabei, sich so richtig einzuregnen, so dass zur Abfahrtzeit um 8 Uhr ein Haufen wetterfest eingepackter Leute die Hotellobby belagerte und irgendwie hoffte, nicht raus zu müssen. Zumal die bevorstehende Etappe offiziell zur Königsetappe ernannt worden war und damit nicht nur Länge, sondern auch Höhe einschloss. Spätestens nach einem Zwischenstopp im Quellgebiet der Lahn erahnten die ersten, die Nordrhein-Westfalen 8 Ausgabe 33/10 als flaches Land wähnten, dass die Eiszeit womöglich doch das eine oder andere Mittelgebirge auf dem Weg nach Süden verloren hat. Und nach weiteren hügeligen 50 Kilometern wurde deren Existenz zur bitteren Wahrheit. Nämlich genau da, als 40 schockierte Fahrer inmitten der Stadt Siegen in eine Straße einbogen, die meilenweit steil nach oben ging und von der man munkelte, dass sich am Ende die Kinderkrebsstation befindet. Aufgrund der Erfahrung der letzten Jahre und auch dieser Tour lösen steile Anstiege inmitten einer Stadt übrigens sofort Assoziationen über „Kinderkliniken“ aus, da diese offenbar bevorzugt auf irgendwelche Hügel gesetzt werden. Doch auch dieser sehr steile und wirklich anstrengende Anstieg lohnte.

Das Gefühl, in eine Bäckerei zu gehen, weil nichts nach Klinik, aber alles nach süßen Backwaren duftete, haben viele in den großen, sterilen Klinikgebäuden noch nicht erlebt. Das Duft-Geheimnis lüftete sich schnell: Kinder, Eltern und das Klinikpersonal hatten ein wundervolles Kinderfest mit Waffelbäckerei, Gipswerkstatt und Konzertsaal gezaubert und sorgten so für Stärkung bevor es zur vermeintlich nahe gelegenen Unterkunft weiterging. Unglücklicherweise stellte sich heraus, dass die Radler ein weiterer Anstieg von der von polnischen Nonnen geführten Unterkunft trennte. Nach 100 bereits gefahrenen Kilometern war diese Information der Euphorie nicht unbedingt förderlich. Und auch ein dunkler Waldweg bei Dämmerung, der über Kilometer immer nur steil nach oben führt, reduziert den Spaßfaktor erheblich. Darum war die Freude bei der Ankunft in einer Unterkunft selten größer, ebenso wie die Vorfreude auf die bevorstehende Abfahrt am nächsten Tag. Doch das Glücksgefühl nach einer rasanten Talfahrt währte nur kurz, da ein die Radler stets begleitendes Naturgesetz ziemlich schnell Wirkung zeigte: Nach dem Berg ist vor dem Berg, so dass auf dem Weg in die Kinderklinik von St. Augustin weiterhin körperliche Höchstleistungen gefordert waren, während zusätzlich immer mal wieder die eine oder andere Regenwolke für Abkühlung sorgte. Nach einer Aufwärmung und dem Besuch der Kinder in der Dank an unsere Spender und Sponsoren Klinik waren die restlichen sieben Kilometer bis Bonn dank der Begleitung zweier Fahrradpolizisten ein Selbstläufer und einem herzlichen Empfang auf dem Bottlerplatz in Bonn stand nichts im Wege.

Da die Kinderkrebsstiftung in Bonn ihren Hauptsitz hat, kam die Ankunft fast schon wie dem Ende der Tour gleich. Es wurde mit Sekt angestoßen und auch am Abend in den Räumen des ehemaligen Schwesternwohnheims fröhlich gefeiert. Doch noch waren die Radfahrer nicht am Ziel und so ertönte am nächsten Morgen ein letztes Mal Michas Tröte zum Aufbruch Richtung Köln. Nach einem Abstecher zur Bonner Kinderklinik ging es weiter Richtung Domstadt. Der Himmel war bedeckt und statt einer sonnigen Ankunft am Tourziel regnete es in Strömen. Umso sonniger war die Begrüßung in der Klinik. Zahlreiche Medienvertreter, der Kölner Elternverein, Klinikpersonal und nicht zuletzt Eltern und Patienten bereiteten der durchnässten Truppe einen herzlichen Empfang. Ebenso toll war die Ankunft auf dem Kölner Rudolfplatz, auf dem wieder der Regenbogentruck dafür sorgte, dass die Leistung und das Engagement der Fahrer und Fahrerinnen gebührend gefeiert wurden. Der Stolz, es geschafft zu haben, war für viele überwältigend, auch wenn in der Freude die Gewissheit mitschwang, dass zwar das morgendliche Aufstehen, die vielen Kilometer und vor allem Höhenmeter ein Ende hatt, aber eben leider auch die vielen schönen gemeinsamen Momente.

Astrid Zehbe